Nachdem Egon Schiele seine Studien 1909 wohl mit Erhalt des Sommersemesterzeugnis der Allgemeinen Malerschule nach dem dritten Studienjahr abgebrochen und die Akademie der bildenden Künste verlassen hat, löst er sich nicht nur von der traditionellen Ausbildung dieser Einrichtung, sondern befreit sich im Folgenden auch vom Einfluss der Wiener Secession. Schiele bricht jedoch nicht radikal mit der Tradition, sondern er erkennt die Autorität der Alten an und findet seinen eigenen Stil in Auseinandersetzung mit ihnen. Dabei schöpft der Empfindungsmensch Schiele aus seinem tiefsten Inneren und holt eine zugleich sinnliche und morbide Welt in Form einer neuen, subjektiven Kunst hervor. In weit höherem Maße als bei seinem Vorgänger Gustav Klimt handelt es sich jetzt um die krasse Darstellung des Hässlichen, der Besessenheit und der Gequältheit. Schiele bricht Tabus und führt die negativen Aspekte des Lebens, die grelle, hautnahe und damit schockierende Darstellung der dunklen, bedrohlichen Seiten in die Kunst ein. Die Wiener Moderne, zu der Schieles Kunst zählt, steht als Synonym für Krise (Jacques Le Rider) und damit für eine Ambivalenz, die eben dadurch, dass sie ihre eigene Veränderung in sich tragen muss, die Rolle der Kunst wandelt. Das Kunstwerk ist auf Dauer nicht mehr Abbild einer transzendenten Welt, sondern wird rein subjektiver Ausdruck des Künstlers.
Wie kommt es nun konkret im Fall Schieles dazu? Welche theoretischen Überlegungen stehen dahinter, bzw. lassen sich in seinen bis heute bekannten Schriften ablesen? Welche Rolle spielt seine Lektüre des Dichters Arthur Rimbaud (1854-1891) und inwiefern weisen Schieles Künste voraus auf Techniken der transzendierenden Erfahrung des Seins, die der Philosophie Georges Batailles (1897-1962) zufolge der Existenzerhellung dienen? Diesen Fragen geht der Aufsatz detailliert nach.
Mein Artikel Schieles Blick nach innen. »Seher« der »inneren Erfahrung«? basiert auf dem am 12. Juni 2010 in Wien an der Akademie der bildenden Künste gehaltenen Vortrag, den ich im Rahmen der von Elisabeth von Samsonow zu Ehren des 120. Geburtstages von Egon Schiele organisierten Forschungs- und Gedenktagung "Die Weitesten werden mich beachten, Entferntere werden mich anschauen" gehalten habe. Er sollte ursprünglich in ihrem zusammen mit Romana Schuler herausgegebenen Sammelband der Vorträge vom 12. Juni 2010 erscheinen.
Aufgrund des Mitte November 2012 erschienenen Buches Egon Schiele Sanctus Franciscus Hystericus von Elisabeth von Samsonow, das von Johann Thomas Ambrózy wegen massiven Plagiatsverdachtes bei der ÖAWI (Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität) angezeigt wurde, ziehe ich meinen Aufsatz aus dem im Passagen Verlag (Wien) erscheinenden und nun in Egon Schiele - Hystericus Contemporary - Neues zu Leben und Werk umbenannten Sammelband von Samsonow/Schuler zurück und veröffentliche ihn hier im zweiten Band des Egon Schiele Jahrbuchs.
>> Zum offenen Brief in Sachen Egon Schiele und Franz von Assisi
dazu siehe auch:
>> Ambrózy: Egon Schiele und Franz von Assisi