Die Entschlüsselung von »Bekehrung«, »Liebkosung« und »Agonie« als Franziskus- & Klara-Zyklus und die Bedeutung dieser Klärung für das Verständnis des allegorischen Werkes von Egon Schiele
Fast ein volles Jahrhundert lang blieb der Inhalt der zahlreichen allegorischen Bilder von Egon Schiele ein gänzlich ungelöstes Rätsel. In der sehr umfangreichen Literatur zum Schaffen des jung verstorbenen Malers wurde die wichtige Frage nach der Ikonographie dieser seltsamen Werkgruppe meist ganz ausgeklammert, allenfalls wurden vage psychologische Spekulationen angestellt, die aber zu keinerlei befriedigenden Antworten führten. Insgesamt stand also die Forschung gerade jener Werkgruppe, die Schiele selbst für seine bedeutendste hielt, im Grunde genommen völlig ratlos gegenüber.
Im März 2009 machte der Verfasser einige überraschende Entdeckungen zu einer Reihe von Gemälden vor allem aus dem Jahre 1912. Sie betrafen einerseits das Bild »Eremiten«, andererseits die Gruppe jener geheimnisvollen Bilder, die allerlei mönchische und andere kirchliche Gestalten zeigen und daher bisweilen als „pseudoreligiöse“ Werke bezeichnet wurden. Auf diese Entdeckungen folgten sehr umfangreiche Forschungen, die immer mehr gänzlich Unerwartetes zu Tage förderten. Schritt für Schritt konnte die rätselhafte Ikonographie einer Reihe von wichtigen Gemälden entschlüsselt werden. Es erwies sich etwa, daß sich Schiele in den »Eremiten« keineswegs gemeinsam mit Gustav Klimt, wie in der Literatur einhellig angenommen wurde, sondern vielmehr mit seinem verstorbenen leiblichen Vater Adolf Eugen Schiele dargestellt hatte. Und Schiele zeigt sich hier noch dazu in der Maske von Martin Luther, gleichsam also als Reformator der Kunst. Auch seine geheimnisvolle V-Geste, die er von einer byzantinischen Pantokrator-Darstellung übernommen hatte, konnte als Geste dechiffriert werden, mit der der junge Künstler Richtung angibt und Kraft aussendet. Mit umfangreichen Belegen wurden diese Forschungsergebnisse zu den »Eremiten« im ersten Band des Egon Schiele Jahrbuches vorgelegt (ESJB I, 2011, 10-57). >> INHALT BAND I, 2011
Die Resultate der 2009 und in den darauffolgenden Jahren durchgeführten detaillierten Analysen und zeitaufwendigen Kontextualisierungen durch Forschungen in verschiedenen Disziplinen, vor allem von drei „pseudoreligiösen“, ebenfalls im Jahre 1912 gemalten Bildern waren aber vielleicht noch verblüffender. In »Agonie« sind nicht, wie bisweilen vermutet wurde, Schiele und Klimt dargestellt, sondern Franz von Assisi (1181/82-1226) und sein „Widersacher“ Elias von Cortona (ca.1180-1246). In »Bekehrung« ist gleichfalls Franz von Assisi dargestellt, wie er Klara von Assisi (1193-1253) und ihre jüngere Schwester Agnes von Assisi (1197/98-1253) in geistlichen Schutz nimmt. Und vielleicht am verblüffendsten: »Liebkosung« (»Kardinal und Nonne«) hat rein gar nichts mit Sexualität in Kirchenkreisen zu tun. Vielmehr zeigt Schiele in diesem Bild wie Klara von Assisi, die Äbtissin der „Armen Frauen von San Damiano“ gegenüber dem kirchenpolitischen Druck von Kardinal Ugolino (1167-1241), dem späteren Papst Gregor IX., standhaft die „Höchste Armut“ verteidigt und somit dem Ideal des Franz von Assisi (der auf dem Bild im Hintergrund kniend dargestellt ist!) treu bleibt. Somit bilden diese drei Gemälde, die alle das selbe Format 70 x 80 cm aufweisen, einen 1912 von Schiele geschaffenen, bisher völlig unbekannten Franziskus- & Klara-Zyklus.
Wie kam es nun zu der Entschlüsselung dieser Inhalte, die ein Jahrhundert lang verborgen geblieben waren, und die nun unsere Vorstellung von Egon Schiele und der Methode seiner Bildfindung für immer entscheidend verändern müssen? Nach den ersten Entdeckungen 2009 konnte der Verfasser in mühevoller und zeitraubender Kleinarbeit in den Jahren 2010 und 2011 den Forschungsstand zu und vor allem den Diskurs über Franz von Assisi in der Zeit bis zum Jahre 1912 rekonstruieren, und nicht zuletzt jenen Kontext eingrenzen, der die konkrete inhaltliche Stellungnahme Schieles innerhalb der zeitgenössischen Kontroverse um die Gestalt des Poverello aus Assisi bestimmen läßt. Auf diesem Wege konnten schließlich auch die unmittelbaren literarischen Vorlagen Schieles identifiziert werden.
In diesem Aufsatz wird nun die Beweisführung für diese Entschlüsselung mit umfangreichem Belegmaterial vorgestellt und damit gleichzeitig auch die Geschichte dieser Entschlüsselung nachvollziehbar vorgelegt werden. Darüber hinaus werden die weitreichenden Auswirkungen dieser neuen Erkenntnisse auf das Verständnis der übrigen Gemälde mit „mönchischen“ Gestalten und letztlich des gesamten allegorischen Werkes von Egon Schiele aufgezeigt werden.
Dieser im Band II des ESJB erscheinende Artikel basiert auf dem Vortrag, den Johann Thomas Ambrózy am 15. Juni 2012 auf dem 1st International EGON SCHIELE RESEARCH SYMPOSIUM in Neulengbach gehalten hat.
>> Programm des 1st ESRS Neulengbach 2012, PDF
Bedauerlicherweise werden diese neuen Forschungsergebnisse von einer zweifelhaften Publikation überschattet. Mitte November 2012 erschien im Wiener Passagen Verlag ein oberflächliches, offenbar in Eile zusammengestelltes und ob seiner dürftigen Belege wissenschaftlich nicht sehr glaubwürdiges Buch mit dem Titel »Egon Schiele Sanctus Franciscus Hystericus« von Elisabeth von Samsonow. In diesem nimmt die Autorin wahrheitswidrig die Entdeckung der Beziehung zwischen dem allegorischen Werk von Egon Schiele und Franz von Assisi für sich in Anspruch, gibt zahlreiche Forschungsergebnisse von Johann Thomas Ambrózy, die dieser in seinem am 15. Juni 2012 in Neulengbach gehaltenen öffentlichen Vortrag vorlegte, als ihre eigenen aus und verknüpft sie obendrein mit einem höchst fragwürdigen Inhalt - einer angeblich sowohl bei Franz von Assisi, als auch bei Schiele vorliegenden „Hysterie“.
Die Angelegenheit wurde aufgrund des massiven Verdachtes auf Verfehlung gegen die wissenschaftliche Redlichkeit der ÖAWI (Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität) zur Prüfung übergeben.
>> Zum offenen Brief in Sachen Egon Schiele und Franz von Assisi
dazu siehe auch:
>> Werth: Schieles Blick nach innen. »Seher« der »inneren Erfahrung«?