Egon Schiele ist durch die übersteigerte Körpersprache seiner Figuren berühmt geworden. Dass sich dabei der Torso als Geste ex negativo und die V-Geste als Zeugnisse einer sprachskeptischen Übertragungsgeschichte lesen lassen, war in der kunsthistorischen Forschung bisher nirgends erwähnt worden. Beide Körperzeichen manifestieren sich aber nachweislich auf seinen Darstellungen zu Ausdrucksmitteln, welche ein Drama frühkindlicher Beziehungslosigkeit zur Mutter sichtbar werden lassen. Nicht chronologisch im Werk, aber psychologisch nachvollziehbar wird nämlich bereits auf einigen Mutter-Kind-Bildnissen ein Bruch im zwischenmenschlichen Umgang sichtbar. Dieser Bruch erweist sich als einer der Sprache. Der frühkindliche Kommunikationskonflikt aus dem Mutter-Kind-Bezug wird offenbar auf die Paarbilder übertragen und hinterlässt seine Spuren am Selbstporträt.
Dem Torso als einer möglichen bewussten Amputation von Gestik fällt dabei eine wesentliche Bestimmung zu. Auf Junge Mutter und Blinde Mutter werden abgeschnittene Arme und Hände als fehlende körpersprachlicher Werkzeuge zu sprachskeptischen Zeugnissen, da diese im Normalfall mütterliche Geborgenheit, Halt und Sicherheit für das Kind absichern. Kann man von einer Neuformulierung des Torso sprechen als einer Demonstration von Kommunikationsunfähigkeit durch den Verzicht gerade auf jene Sprachwerkzeuge, welche Kommunikation ermöglichen?
Auch zum Verständnis des V-Gestus muss bei den Mutter-Kind-Bildnissen angesetzt werden. Auf diese Weise kann seine Bedeutung an einigen Paarbildern und Selbstporträts hergeleitet werden. Im psychologischen Entwicklungsgang vom Kind zum Erwachsenen wird die V-Geste greifbar als Fingerzeig einer vorgängigen Vereinzelung des Subjekts durch Sprache. In der Übertragung der V-Geste bei „Toter“ Mutter auf den „Tod“ (Mann) bei Tod und Mädchen beispielsweiseliegt das sprachskeptische Drama begründet. Dieses ist auch jenes einer toten Sprache und damit hier speziell einer nicht gelungenen Mutter-Kind-Kommunikation, denn Verbundenheit und Nähe wird durch Körpersprache unterbrochen. Was der Säugling von der Mutter erfährt, prägt den späteren Erwachsenen zeitlebens. Während es auf Tote Mutter I die Mutter ist, welche dem Kind aufgrund der künstlich an ihren Arm geschraubten V-Geste keine wahre Zuwendung schenken kann, übernimmt der männliche Part die gespreizte Hand mitsamt seiner Metabedeutung der Sprach-Ohnmacht innerhalb des erotischen Beziehungsgeflechts. Auf Tod und Mädchen (1915) oder Liebespaar (1914/15) versucht die Geliebte mit körpersprachlichen Zeichen den Mann zu erreichen. Dieser hat seine Hand auf das Haar der Geliebten gelegt, ohne sie wirklich zu berühren, denn seine Hände sind derart gespreizt, dass sie wie taube Werkzeuge am Körper der Geliebten entlanggleiten, unfähig, emotionale Wärme zu verbreiten. Der Gestus verhindert in beiden Fällen, dass der Mann der Geliebten auf ihre fordernd-klammernde Geste mit einer sie stützenden antwortet. Etwas Einzigartiges geht schließlich beim Selbstportät von statten, indem durch die oftmals vor der Brust oder einem Bein zusammengeführten V-Geste in einem Zuge Verständnis erschwert wird und gleichzeitig ein Ausdrucksmotiv geschaffen wird, welches für die Künstlerexistenz als Alleinstellungsmerkmal funktioniert; ihn oberflächlich zwar nicht preisgibt, aber beim gründlichen Hinsehen seinen Verweischarakter zur Kindheit offenbart und ihn durch die damals gemachten Erfahrungen be-zeichnet und charakterisiert. Die Geste ist auf den ersten Blick Verschleierung von Identität, wird aber auf dem Umweg der implizierten Sprachskepsis zu deren Offenbarung.
Egon Schiele scheint mit Körpergesten wie dem Torso oder dem V-Gestus Sprachgrenzen markiert zu haben. Dies lässt stark an Fritz Mauthners Sprachkritik denken. Durch das Beleuchten sprachskeptischer Momente in der Figurengestik Egon Schieles soll in diesem Aufsatz ein möglicher Zugang zu seiner Kunst geboten werden.